Zusammenfassung der TIME-Online-Debatte

The Denning-Barlow Clipper Chip Debate




An dieser Online-Debatte über den Clipper-Chip, die am 10.März 1994 stattfand, waren beteiligt:

John Perry Barlow, Mitbegründer der Electronic Frontier Foundation und Clipper-Gegner;

Philip Elmer-DeWitt, einer der Herausgeber des TIME-Magazins, als Moderator;

Professor Dorothy Denning, als Wortführerin der Clipper-Chip-Befüworter bekannt.

Professor Denning verteidigt in dieser Debatte den Clipper-Chip unter Berufung auf die Stärke seines Verschlüsselungsalgorithmus und seinen Nutzen für die Kriminalitätsbekämpfung.

John Perry Barlow führt gegen den Chip vor allem zwei Argumente ins Feld: Der Chip erlaubt Polizei und Geheimdiensten auch ohne eine gerichtlich genehmigte Entschlüsselung von verschlüsselten Telefongesprächen die Erstellung von Kommunikationsprotokollen und damit die mißbräuchliche Überwachung von weiten Teilen der Bevölkerung. Außerdem befürchtet Barlow, daß das key escrow System anfällig gegen Korruption und andere Formen von Einflußnahme ist und es zu einer illegalen Herausgabe der hinterlegten Codeschlüssel kommen kann.

Professor Denning widerspricht Barlow in beiden Punkten, wobei sich die beiden Experten insbesondere in der Frage uneinig sind, ob die Polizei tatsächlich ohne Vorlage eines Gerichtsbeschlusses Kommunikationsprotokolle erstellen darf. Während Denning dies vehement bestreitet, nennt Barlow allein für das Jahr eine Zahl von über 100.000 derartigen Fällen. Informationen darüber, wer mit wem kommuniziert, seien für die Geheimdienste bereits äußerst wertvoll und böten umfangreiche Möglichkeiten für eine mißbräuchliche Überwachung der Bevölkerung.

Dorothy Denning behauptet, seit der Verabschiedung der entsprechenden Gesetze in den Jahren 1968 und 1978 habe es keinen Beweis für illegale Abhöraktionen gegeben. Durch den Clipper-Chip werde die Wahrscheinlichkeit für solche Vorkommnisse noch erheblich weiter reduziert. Und falls es dennoch Probleme gebe, könne man immer noch die Datenbanken vernichten, in denen die Codeschlüssel der einzelnen Clipper-Chips gespeichert seien.

Barlow widerspricht Dennings Aussagen vehement. Nach 1968 habe es viele Fälle mißbräuchlicher Überwachung von Telefongesprächen gegeben. Das bekannteste Beispiel sei der Watergate-Skandal, bei dem eine ganze Anzahl von illegalen Abhöraktionen im Spiel gewesen sei. Die Möglichkeit der Vernichtung der Datenbanken im Falle der Gefahr eines Mißbrauches bezweifelt Barlow: Wenn eine Regierung erst einmal durch unkontrollierte Benutzung der Codeschlüssel ihre Macht mißbrauchen würde, dann würde sie sich diese nicht mehr aus der Hand nehmen lassen.

Als einzigen Grund dafür, daß das Abhören von Telefongesprächen bisher ein relativ selten verwendetes Mittel bei der Kriminalitätsbekämpfung war, sieht Barlow die bestehenden bürokratischen Hindernisse an.

Denning und Barlow stimmen in dem Punkt überein, daß die Bedeutung guter kryptographischer Produkte immer mehr zunimmt. Während jedoch Barlow die totale Freiheit auf diesem Sektor - auch für den Export von entsprechenden Produkten - fordert und sich dabei auf das in der Verfassung verankerte Recht beruft, seine Meinung in jeder beliebigen Weise zu äußern (also auch verschlüsselt), stehen für Denning die Erfordernisse der Kriminalitätsbekämpfung im Vordergrund.

Durch die Einführung des Clipper-Chips als de-facto-Standard werde es Kriminellen schwergemacht, unabhörbare Kommunikation zu führen, weil sie in jedem Fall mit vielen Personen kommunizieren müßten, die den Chip benutzen. Auf diese Weise hätten alle gesetzestreuen Bürger den Vorteil der Benutzung eines starken Verschlüsselungsverfahrens, wohingegen die Kriminellen den Nachteil hätten, bei Benutzung der allgemein verwendeten Geräte nicht vor dem Zugriff der Strafverfolgungsbehörden sicher zu sein.

Barlow bezweifelt, daß überhaupt irgendein Krimineller, und sei er auch noch so dumm, auf die Idee kommen würde, den Clipper-Chip trotz der eingebauten Abhörmöglichkeit bei der Vorbereitung oder Durchführung von Straftaten zu benutzen, wenn ihm auch andere Möglichkeiten zur Verfügung stünden. Erst recht sei kein Terrorist, der mit konventionellen Bomben oder gar mit Atombomben umgehen könne (die große Furcht der amerikanischen Geheimdienste), zu dumm, um sich PGP oder ein anderes Verschlüsselungsprogramm von irgendeinem Bulletin-Board herunterzuladen.

Professor Denning bezeichnet es als äußerst schädlich für die Gesellschaft, wenn unentschlüsselbare kryptographische Produkte auf den Markt kämen, ohne eine eingebaute "Hintertür" zum Abhören zu enthalten. Eine Implementation des SKIPJACK-Algorithmus auf einem Chip ohne key escrow System komme daher nicht in Frage. Wenn die Einführung des Clipper-Chips als neuer nationaler Standard abgelehnt werde, müsse die Regierung zu einem weniger sicheren Standard zurückkehren. Barlow widerspricht dieser Behauptung: Für die Regierung, die bereits umfangreichen Gebrauch von diesem Algorithmus mache, bestehe überhaupt keine Notwendigkeit, den Clipper-Chip als internen Standard fallenzulassen.

Während Professor Denning betont, daß die Regierung nicht plane, andere kryptographische Produkte zu verbieten, befürchtet Barlow, daß die Benutzung des Clipper-Chips trotz formaler Freiwilligkeit über Umwege erzwungen werden könne, zum Beispiel indem man ihn bei der Einreichung von Steuererklärungen benutzen müsse.

Er äußert sein tiefes Mißtrauen gegenüber dem SKIPJACK-Algorithmus, einerseits wegen dessen Geheimhaltung, andererseits aufgrund der Tatsache, daß es sich um ein von der Regierung offeriertes Verschlüsselungssystem handele. Einem derartigen System könne man niemals vertrauen, selbst wenn es keine für jeden offensichtliche "Hintertür" gebe.

Auf eine entsprechende Frage hin äußert Barlow die Ansicht, daß es ihm lieber wäre, wenn ein paar Kriminelle mehr ungeschoren davonkämen, als wenn er einer Regierung vertrauen müßte, die über nahezu unbegrenzte Möglichkeiten zum Eingriff in die Privatsphäre des einzelnen Bürgers verfüge. Daraufhin wirft ihm Professor Denning vor, die Strafverfolgungsbehörden ganz abschaffen zu wollen, was Barlow entschieden zurückweist. Er wolle die Strafverfolgungsbehörden nicht abschaffen, sondern ihnen lediglich keine unbegrenzte Macht geben.

Über diesen Punkt sind sich Denning und Barlow grundsätzlich uneinig. Während der Bürgerrechtler mit dem Clipper-Chip eine fundamentale Veränderung der Kräfteverhältnisse in der Gesellschaft zugunsten der Strafverfolgungsbehörden auf sich zukommen sieht, betrachtet die Clipper-Befürworterin die Auswirkungen des Chips lediglich als eine Aufrechterhaltung des bestehenden Gleichgewichtes zwischen der Wahrung der Privatsphäre und den Erfordernissen der Kriminalitätsbekämpfung.

An diesem Punkt ist leider die für die Diskussion angesetzte Zeit abgelaufen, so daß dieses interessante Gespräch nicht in der Öffentlichkeit fortgesetzt werden kann. Gleichwohl verabschieden sich Professor Denning und John Perry Barlow mit der Ankündigung, das Streitgespräch untereinander fortzusetzen. Leider ist von seinem weiteren Verlauf nichts überliefert; aber auch das vorliegende Gespräch ist es allemal wert, sich den von Barlow für die Veröffentlichung im Internet aufgearbeiteten Text in seinen Einzelheiten durchzulesen.

Online-Debatte zwischen Professor Dorothy Denning und John Perry Barlow, Originaltext



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